C29-21 „Mitternachtsonne“ – Ankunft an der westlichen Eiskante

Lena Ziegler und Claudia Elsner gewidmet

Um drei Uhr hat der Wecker geklingelt. Bei Windstille sind wir 8km gelaufen bis der Ruppert keine Lust mehr zu laufen hatte. Er ist immerhin schon 20km von den 400km seit es bergab geht ohne Kite gelaufen. Er lässt den Kite fliegen und trägt ihn spazieren. Funktioniert gut und zieht uns gemächlich, meditativ bergab.

Waren die ganze Zeit angeseilt wegen der Spalten. Über uns blauer Himmel, auf dem Landabschnitt am Meer erstreckte sich ein Wolkenband. Sahen, dass es dort schneit. Waren sehr erstaunt als wir Eisbärspuren entdeckten, denn das ist an der Westküste sehr unwahrscheinlich. Vielleicht eine Mutter mit Kindern? Waren sehr erstaunt.

Erreichten heute unseren ersten türkis leuchtenden Flusslauf mit See. Beim Drüberlaufen knackt es dumpf und knirscht. Manchmal sind wir ca. 10cm eingebrochen. Zum Glück schwimmen die Schlitten. Es ging weiter zu Fuß über große, halb offene Seen. Es hat sich alles sehr gezogen. Teilweise sind die Schmelzbäche so breit, dass wir Umwege laufen müssen.

13km vor der westlichen Eisgrenze hatten wir einen Tiefpunkt, waren ganz schön fertig. Haben die Route durchs Wasserlabyrinth diskutiert – Zelte aufbauen oder durchziehen? Schokolade und Nüsse haben geholfen. Weiter ging’s, mit Fallwinden im Rücken, weswegen wir wieder einen Kite vor die Seilschaft gespannt haben.

Als wir nur noch 3km von der Eiskante entfernt waren, kam wieder ein riesiger Schmelzwasserfluss mit Sumpf. Ruppert hat versucht drüber zu Kiten (Wasserskifahren), ist gescheitert und im Wasser gelandet. Stand bis unters Knie im Wasser. Haben eine andere Überquerungsstelle gesucht. Da der Ruppert sowieso nasse Füße hatte, hat er sich geopfert und uns über den Wasserlauf getragen und die Schlitten rüber gezogen. Rupperts Hose und Skischuhe sind sofort gefroren. Können die letzten Kilometer nochmal kiten.

Es ist eine atemberaubende Kulisse. Die Mitternachtssonne steht über den dunklen Bergen. Wir sehen das Meer und die Eisberge in wunderschönem Licht.

Als es am Ende nochmal steil bergab ging, wurden wir alle drei sehr emotional. Viele Gedanken. Müssen erstmal verarbeiten, was wir geschafft haben.

Angekommen am Camp, war erstmal wichtig das Zelt aufzubauen, Rupperts Füße aus den zugefrorenen Skischuhen mit der Eisaxt zu befreien. Sind hundemüde nach einem 23h langen Tag und einem Abendessen (mit Edith und Susanne Oefele) hundemüde eingeschlafen.

C27 und C28 – SwissCamp

C27-21 „Meeresbrise“, Alexandra Gärtner und Christian Löhlein gewidmet

Wir nähern uns der Westküste und werden so wie es aussieht zehn Tage früher ankommen als geplant. Weil wir alle unterbekommen wollen, werden es ab jetzt immer zwei Namen pro Camp werden.

Seit 1984 besteht das Messpunktefeld von Prof. Dr.-Ing. Manfred Stober, wo wir uns seit gestern Abend befinden und wo wir die nächsten zwei Tage Messungen vornehmen werden. Anhand eines Pegelnetzes (80 km von der Westküste auf dem Inlandeis) werden in einer Langzeitstudie die Fließgeschwindigkeit, die Verformung der Eisoberfläche sowie die Veränderung der Eishöhe beobachtet. Des Weiteren werden Höhenmodelle der Eisoberfläche abgeleitet. Die Werte werden zur Modellierung des grönländischen Eisschildes und zum Vergleich mit der globalen Klimaänderung benötigt. Wir müssen mit der Antenne die Höhe und genaue Position von 48 Punkten auf einer Fläche von 5km² ermitteln. Mit einer Sonde wird die Höhe bis zu Blankeis gemessen, interessant ist dann die Höhe des Punktes auf dem blanken Eis. Die momentane Schneehöhe liegt bei 1,5m. Unseren Messungen zufolge glauben wir, dass bei manchen Punkten schon seit 2014 vier Meter weniger Eis da ist. Müssen warten, welche Werte die Wissenschaftler ausrechnen. Waren den ganzen Tag bei Sonnenschein beschäftigt und sind einige Schritte mit Johanna Deml gegangen. Abends drehte der Wind auf Süd-West und wir konnten zum ersten Mal das Meer riechen. Erinnerungen an Ilulissat werden wach: Algen, Meer, Schlittenhunde… Bald sind wir dort. Heute kommt die zweite Hälfte der Punkte. Das Abendessen gestern Abend haben wir in Anwesenheit von Marion Jehle sehr genossen. 🙂

 

C28-21 „Feldarbeit“, an Pia & Tobi und Leo, Kilian & Max

Heute haben wir den zweiten Tag mit Messungen bei den Stober-Punkten verbracht. In Begleitung von David Severin haben wir einige Fußabdrücke im Schnee hinterlassen. Wir schauen, dass wir soviel wie möglich essen, damit wir so wenig wie möglich tragen müssen, wenns dann über Festland ohne Schnee geht. Mussten die Platte für die Antenne reparieren, die wegen des welligen Bodens durch die Erschütterung kaputt gegangen war. Es schneit leicht mit White Out, manchmal kommt die Sonne durch. Ca. 0 Grad, ohne Wind. Es ist sehr warm.

Gegen 17 Uhr waren wir fertig mit den letzten Messungen. Haben es uns im Zelt gemütlich gemacht und mit Brigitte Rist Abend gegessen. Jeder darf so viel essen wie er will, keine Rationierung mehr J Wollen zeitig schlafen und morgen früh um 3 Uhr aufstehen, um gute Schneebedingungen zu haben. Sind gespannt auf den Abstieg, laufen dann das erste Mal mit Landkarte. Mal sehen, wie lange wir noch Schnee haben, was die Spaltenlage so ist…

Vogeschwarm über dem Inlandeis (Spurensuche2020-Expedition)

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C17-21 „Klimax“

Sebastian Wydra gewidmet

Was für ein Tag! Diesen Kite-Tag wollen wir David Severin widmen.

Angefangen hat es heute sehr gemütlich mit White Out. Der Vogel war nicht mehr da. Mittags kam die Sonne raus. Heute war ein sehr warmer Tag und wir sind fast 20 km gelaufen. Unser Wetterexperte Frank Polte hat uns empfohlen am Abend noch zu kiten, weil es für morgen eine Sturmmeldung gibt, weswegen wir einen Ruhetag einlegen müssen.

Der erwartete Wind hat sich um drei Stunden verspätet und wir konnten erst um 19Uhr loskiten. Ab dann ging‘s schön romantisch Richtung Sonnenuntergang, bis wir schlussendlich von einer dicken Wolkenwand überrollt wurden. Totales White Out und Sturm. Wir haben es gerade noch geschafft die Kites zusammenzupacken und eine riesige Schneemauer zu bauen. Um 0:30Uhr waren wir dann im Zelt.

Es war heute absolut überwältigend über den höchsten Punkt dieses Rieseneisschilds auf 2552m hinüber zu fliegen, der Wind hat uns geradezu darüber hinweggefegt! So schnell konnten wir gar nicht schauen!

Diesen Moment widmen wir an Jürgen Thiele, danke für deine Unterstützung!

Es war wirklich ein Spektakel, wie ein dramaturgisches Stück mit Klimax und Gipfel mit dabei.

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C09-21 „Polarkreisüberschreitung“

gewidmet an Dominik Ebner

Wir haben endlich den Polarkreis bei 66°33‘ 55‘‘ überschritten – das fühlt sich an wie die Freiheit – die Freiheit die wir uns so nie vorstellen konnten! Dank Daniel Köhn, der mit uns über den Polarkreis gelaufen ist, konnten wir diesen Moment so richtig genießen. Kurz vor unserer Abreise hat er uns ein Gedicht mit auf den Weg gegeben, welches wir gerne mit euch teilen wollen:

Greenland 
(by Gordon Butchers)

Freezing winds
A harsh terrain,
Of icy glaciers
And tundra plain,

With thick pack ice
And drifting snow,
Where northern lights
In darkness glow.

A home for raindeer
And arctic hares,
Arctic fox
And polar bears.

Komplettes White Out. Wir bewegen uns nur noch fühlend fort, oft wird uns schwindlig, man weiß nicht wo’s hoch bzw. runter geht.

Es ist relativ warm. Bei -10°C und Windstille können wir im Pulli laufen. Nachts hat es maximal -24°C. Die gefühlte Temperatur ändert sich schnell, von nackt baden im Schnee zu voller Montur mit Gesichtsmaske.

Wir befinden uns auf 2000hm, aber es sind immernoch zehn Tage bis wir den höchsten Punkt dieser Riesenwölbung auf 2500hm erreicht haben.

Wir haben so viel Schnee, dass wir bisher auf dem direkten Weg keine Spalten gesehen haben. Auch nicht die Großen, die Quervain und Co. 1912 erlebt haben.

Wir schlängeln uns weiterhin durch Sastrugis, um den besten Schnee und den Weg durchs Labyrinth zu finden. Manchmal fallen die Schlitten um.

Franzi’s Ding des Tages war heute die gestrickte Wärmflasche von ihrer Schwester Joi.

 

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Foto: Spurensuche2020-Expedition

 

Spalten auf dem Inlandeis (1912)

 

Ende der „Spurensuche 2020“-Expedition

Unser letztes Camp auf dem Inlandeis (13.09.2020, 1995m, -24°C tagsüber)

Aufgrund der anhaltenden extremen Wetterbedingungen und drohender ernsthafter Erfrierungen wurde die Expedition beendet. Wir wurden am Sonntag per Helikopter nach Ilulissat ausgeflogen. Wir sind alle wohl auf und haben keine ernsthaften Schäden.